Pflege und Pflegeberuf – Seht, da ist der Kunde

Pflege und Pflegeberuf – Seht, da ist der Kunde

Kirche ist für Menschen da. Gleichwohl verstärkt sich in den Pflegeeinrichtungen von Caritas und Kirche seit Jahren das betriebswirtschaftliche Denken. Der hilfebedürftige Mensch wird mehr und mehr zum Kunden, die Pflegekraft zum gestressten, leistungsorientierten Dienstleister. Auf diese nicht länger hinnehmbare Situation hat die Interessengemeinschaft der Mitarbeitenden in Caritas und Kirche (IG-MiCK) in einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Katholikentages aufmerksam gemacht. Stefan Bug, Vorsitzender der BAG-MAV und Moderator der Veranstaltung skizziert, dass konkurrierende Pflegeeinrichtungen in einem marktwirtschaftlichen Wettbewerb den hilfebedürftigen Menschen und auch den beruflich Tätigen in der Pflege schaden.

Caritas zwischen Markt und Menschlichkeit.
Eine IG-MiCK Podiumsdiskussion im Rahmen des Katholikentages.

Zum Auftakt der Diskussion beschreibt Prof. Dr. Matthias Möhring-Hesse, Sozialethiker der Universität Tübingen, in seinem Eingangsstatement, den gesellschaftlichen Status Quo der Pflege. Die Pflege gelte nicht als normaler Teil des Alltags, sondern als Ausnahme-Erscheinung. Normalisierungsarbeit müsse geleistet werden. „Zu Pflegende müssen wieder als Berechtigte angesehen werden, die Anspruch haben auf diese Pflege. Bedürftig und berechtigt: Das ist Ausdruck des selbstbestimmten Lebens“, sagt Möhring-Hesse in seiner Rede. Aber ebenso die Beschäftigten in der Pflege seien bedürftig und berechtigt. „Sie sind bedürftig hinsichtlich ihrer Belastungsgrenzen und hinsichtlich ihrer Arbeits- und Einkommensbedingungen“, so der Sozialethiker.

Sanja Pranjic, Gesundheits- und Krankenpflegerin, weiß aus der Arbeitspraxis wovon sie spricht, wenn sie vom Spannungsfeld zwischen Markt und Menschlichkeit berichtet: „Tagtäglich vollführen wir einen Spagat zwischen unglaublichem Zeitmangel und menschlicher Betreuung. Füttern, waschen, anziehen – das ist sehr intim und dann bleibt keine Zeit mehr für ein paar persönliche Worte. Es ist sehr traurig, wenn nach so einem stressigen Tag der Geschäftsführer fragt: Warum hast Du schon wieder so lange gebraucht?“

Die Pflege sei nicht mehr passgenau, nicht für Patienten und auch nicht für die berufstätig Pflegenden, bekräftigt Detlef Schliffke, Vorsitzender des Bundesverbandes der Patientenfürsprecher in Krankenhäusern (BPiK). Grundsätzlich hätten die Pflegekräfte viel zu wenig Zeit für ihre Aufgaben. „Die Pflegekräfte haben keine Gelegenheiten mehr für persönliche Ansprachen, können keine Zuwendung mehr geben, haben zu wenig Zeit für Menschlichkeit“, so Schliffke.

Von gestressten und überforderten Pflegekräften berichtet ebenfalls Dr. Christian Bäumler, Bundesvorstand der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA). Bäumler fordert: „Eine gesetzliche Festlegung der Personalbemessung ist dringend notwendig, um bei den Arbeitnehmern in der Pflege Entlastung zu schaffen.“ Langfristig brauche es mehr Geld in der Pflege, damit mehr Menschen in der Pflege arbeiten wollen. „Ein bundeseinheitlicher, allgemeinverbindlicher Tarifvertrag ist nötig“, so die Lösung die der CDA-Bundesvorstand sieht. Der Wettbewerb zwischen den Pflege-Einrichtungen solle seiner Meinung nach eine Auswahl anbieten, stattdessen werde Pflege standardisiert. „Es muss vielfältige Pflegemöglichkeiten geben“, appelliert Bäumler.

Den marktwirtschaftlichen Wettbewerb in der Pflege sieht auch Ulrich Pannen, Geschäftsbereichsleiter Pflege der AOK Rheinland/ Hamburg, kritisch. Die Pflegeversicherung habe einen großen Fehler hervorgebracht: Den Wettbewerb zwischen den Einrichtungen. „Dadurch wird die Refinanzierung nicht an die Mitarbeitenden in der Pflege weitergegeben. In diesem Bereich müssten regelmäßig Entgelterhöhungen geleistet werden, beispielsweise in einer jährlichen Grundlohnsteigerung, um den Beruf attraktiver zu machen“, so Pannen.

Als Resümee der Podiumsdiskussion richtet Prof. Dr. Möhring-Hesse drei Appelle an die Politik: Der Pflege-Markt müsse reglementiert werden. Staatliches Geld sollte ausschließlich an Einrichtungen vergeben werden, die nach Tarifvertrag vergüten. Statt Pflegeleistungen sollten besser Einrichtungen finanziert werden. „Ich empfehle, in Infrastrukturen zu investieren und nicht in Einzelleistungen. So können zu Pflegende und in der Pflege Berufstätige Arrangements miteinander aushandeln, die den Pflege-Bedarf passgenau decken“, bekräftigt Prof. Dr. Möhring-Hesse.

Anja Stoiser, Referentin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ak.mas

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.